Eine Frage der Einstellung: perfekt unperfekt


Denise Schindler - Para-Radprofi
Denise Schindler - Para-Radprofi und unterschenkelamputiert seit dem 3. Lebensjahr

Alles andere als perfekt…

Kennt ihr auch das Gefühl, wenn ihr euren Körper anschaut und etwas nicht schön findet? Als Kind war das Gefühl, unperfekt zu sein, mein ständiger Begleiter. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf war ich das einzige Kind im Hort, das eine Behinderung hatte. Als ich später in die Schule ging, habe ich dann noch stärker realisiert, dass ich anders bin. Dass ich nicht gleich bin. Und dass ich wegen meiner Behinderung auch anders behandelt werde. Ich humpelte und konnte nicht so laufen wie die anderen Kinder, Fußball spielen oder in den Urlaub fahren. Stattdessen verbrachte ich die meisten Ferien im Krankenhaus, weil ich mal wieder operiert werden musste. In meinen Augen war ich alles, aber nicht perfekt. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich mich damals gefragt habe: Warum bin ich es, die eine Prothese tragen muss? Ich hatte so viele Zweifel als Kind und als Teenager.


Die Schutzwand bröckelt

Sich in seiner Haut wohlzufühlen ist als Teenie ja sowieso so eine Sache. Eine Behinderung on top macht es neben den Pickeln im Gesicht nicht wirklich leichter. Deshalb war ich als junges Mädchen eine Meisterin darin, alles perfekt zu verstecken: Mein krummes Bein links und mein unechtes Bein rechts. Am liebsten habe ich die damals total angesagten Schlaghosen getragen. Der Schlag gab mir Sicherheit, denn so musterte mich nicht jeder von oben bis unten. Das Problem war nur, sobald meine Schutzwand aus langen Hosen und Röcken wegfiel, war ich nackt. Man kann das gut mit einem Haus vergleichen: Außen ist schicker Putz aufgetragen, sodass es perfekt aussieht. Aber Innen ist es trotzdem noch etwas renovierungsbedürftig. Natürlich gab es immer wieder Situationen, in denen ich den äußerlichen Schutz nicht aufrechterhalten konnte. Sobald ich zum Beispiel im Freibad die lange Schlaghose abgelegt hatte und von der Liegewiese ins Wasser gehen wollte, bröckelte meine schöne verputzte Schutzwand. Da wurde ich wieder von oben bis unten gemustert. Wie eine Attraktion im Zoo, bis ich endlich im Wasser war. Erleichterung! Endlich im Wasser!


Eine Sache der Einstellung

Heute, 15 Jahre später, ist das komplett anders. Ich trage sogar Hotpants und kurze Röcke, wann immer ich möchte. Dass jeder die Prothese sieht, ist kein Problem mehr für mich – im Gegenteil. Was hat sich geändert, dass ich mittlerweile sogar positive Reaktionen auf meine Behinderung bekomme? Es ist nicht die Welt um mich rum – sondern meine Einstellung zu mir selbst! Ich habe aufgehört, den Vorstellungen von schön und makellos entsprechen zu wollen. Ja, mir fehlt ein Bein und ja, ich humple mal mehr, mal weniger auf meinem linken Bein durch die Welt. Aber ich lasse mich nicht mehr von der Angst, anderen nicht zu gefallen, abhalten, mein Leben zu leben. Jeder darf sehen: Das bin ich, so wie ich bin, perfekt unperfekt! Damit gehe ich ganz anders auf Menschen zu und das wirkt sich darauf aus, wie diese auf mich reagieren. Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, trage ich zum Beispiel eine spezielle Radprothese, bei der nur ein einziges Stahlrohr nach unten geht, mit dem ich mich direkt in die Pedale einklicke. Wenn ich nach drei Stunden eine Kaffeepause machen möchte, klicke ich aus, stelle mein Rad zur Seite und laufe wie Cäpt‘n Hook ins Café und bestelle einen Cappuccino. Natürlich werde ich auch hier angeschaut. Aber es stört mich nicht mehr. Mustert mich jemand „unten rum“, lächel ich ihn an und auf einmal ist

das Eis gebrochen.


Selbstakzeptanz: Kein einfacher Prozess – aber er lohnt sich

Ich habe gemerkt: Wenn ich bereit bin, mich selbst im Kopf zu „enthindern“ und lerne, mich und meinen Körper so anzunehmen und zu lieben, wie er ist, eröffnen sich so viele Möglichkeiten. Allerdings weiß ich auch, dass das nicht von heute auf morgen passiert. Es gibt keinen Schalter, den man einfach umlegt und sagt: „Jetzt bin ich selbstbewusst“. Der Weg zur Selbstakzeptanz ist ein Prozess, der nicht immer einfach ist. Er hat Höhen und Tiefen. Aber der Weg dorthin ist wichtig und wertvoll. Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich schon seit Jahren keine kosmetische Prothese mehr trage – weil ich meine Behinderung gar nicht mehr verstecken möchte. Sie ist ein Teil von mir und meiner Geschichte. Sie hat mich geprägt und stark gemacht. Ich habe die Schublade zugemacht und eine neue voller Chancen und Möglichkeiten aufgemacht.


Meine Prothese – designed by me

Genau um dieses Selbstbewusstsein zu zeigen, ist Mecuris ein wichtiger Partner an meiner Seite, mit dem ich gerne zusammenarbeite - denn wir teilen eine Vision. Mecuris hat es sich zum Ziel gesetzt, Orthopädietechnikern den Zugang zu den Vorteilen der Digitalisierung und des 3D-Drucks zu erleichtern und damit auch das Leben von uns Prothesenträgern zu bereichern. Mit der Mecuris Solution Platform kann ich heute zu meinem Orthopädietechniker gehen und eine Prothese erstellen, die genau zu mir passt – nicht nur in der Passform, sondern auch im Design. Ich bin aktiv in den äußeren Gestaltungsprozess meiner Prothesen eingebunden und kann mitbestimmen, wie sie aussehen soll. Mittlerweile besitze ich sogar mehrere Prothesen-Cover in unterschiedlichen Designs – zum Beispiel eine elegante Variante in Weiß, die ich besonders gerne auf dem roten Teppich trage oder auch eine Badeprothese in türkis und schwarz mit wellenförmigem Muster. Meine Prothese im Schwimmbad oder im Alltag verstecken? Kommt für mich nicht mehr in Frage, dafür finde ich sie viel zu schön. Diese Möglichkeit der Individualisierung ist ein unglaublicher Fortschritt und gibt Menschen mit Amputation die Chance sich mit der Prothese viel früher und schneller zu identifizieren. Ich finde alle Menschen mit Amputation sollten diese nutzen können. Denn wer eine Prothese bekommt, die ihm gefällt und die zu ihm passt, kann viel offener und selbstbewusster mit seiner Behinderung umgehen. Gemeinsam mit Mecuris will ich mich genau dafür einsetzen.


Eine Prothese, die zu mir und meiner Persönlichkeit passt

Wir haben das unglaubliche Glück, in einer Zeit zu leben, in der eine Amputation keine Sackgasse mehr ist. Dank einer guten prothetischen Versorgung und den Entwicklungen in den letzten Jahren wird uns viel ermöglicht: Ich kann auf beiden Beinen durch die Welt laufen, reisen, Familie gründen und meinen Alltag bewältigen. Dafür spüre ich unendliche Dankbarkeit. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass meine Rennprothese aus dem 3D Drucker kommt? Keiner. Oder dass ich jeden Tag nach Lust und Laune die Farbe und das Muster meines Beines ändern kann? Dank der Digitalisierung, 3D Druck und innovativen Unternehmen wie Mecuris, die diese Entwicklungen in die Orthopädietechnik bringen, können wir unsere Prothese nun so gestalten, wie wir sie gerne haben wollen und wie sie zu uns und unserer Persönlichkeit passen. Das gilt für die kleine Larissa im Alter von 8 Jahren mit einem Einhorn-Cover für ihre Prothese, für Jonas mit 12 Jahren mit Superman-Motiv und für mich, Denise Schindler, 33 Jahre, mal mit weißem Gala Cover, mal mit der Badeprothese mit Wellenmotiv.


Verändern wir die Zukunft

Wie wir heute in der Öffentlichkeit mit unserer Amputation und Prothese umgehen, wird die Gesellschaft von morgen ändern. Mit unserem Selbstbewusstsein und unserer Natürlichkeit im Umgang mit einer Amputation sind wir Leuchttürme für die Menschen, die jetzt gerade in diesem Moment die Augen aufschlagen, an sich herunterblicken und feststellen müssen, dass ein Bein oder ein Arm fehlt. Deshalb ist es an uns, das Bild nach außen in die Hand zu nehmen, aus unserer Komfortzone zu gehen, die lange Hose nach oben zu krempeln und mit einem neuen Selbstbewusstsein durchs Leben zu gehen! Dabei wollen wir

mitbestimmen – beim Design der Prothese und dem Entstehungsprozess. Wir sollten sagen, was wir brauchen und was wir uns wünschen. Die Digitalisierung öffnet uns die Türen dafür. Wir sind perfekt, so wie wir sind. Du bist perfekt, genau so wie du bist. Ich bin perfekt.



I’M PERFECT. YOU’RE PERFECT. WE’RE PERFECT.