Mehr als nur ein Handwerk

Teil 2 unserer Resilienz-Serie: Auch Orthopädietechniker*innen brauchen eine hohe innere Widerstandsfähigkeit



Die Orthopädietechnik ist feinstes Handwerk. In den Werkstätten nehmen Orthopädietechniker*innen Abdrücke, formen, feilen, schleifen, bohren und verkleben verschiedenste Materialien zu Prothesen, Orthesen oder Einlagen. Nur mit ihren Händen fühlen Orthopädietechniker*innen zum Beispiel, die Gegebenheiten am Stumpf und können so sowohl harte knöchrige Stellen als auch weiche Stellen in der Fertigung der Prothese berücksichtigen, damit sie am Ende perfekt sitzt. In der Orthetik sind sie es, die mit ihrem geschulten Blick und Fingerspitzengefühl den optimalen Sitz einer Schiene oder eines Schaftes sichern. Damit sind Orthopädietechniker*innen letztlich diejenigen, die amputierte Menschen wie mich, Denise Schindler, wieder auf zwei Beine stellen oder Menschen mit Orthesen und Handprothesen helfen, den Alltag wieder zu meistern. Das macht sie neben Ärtz*innen zur wichtigsten Person, die es uns erst ermöglicht, wieder ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben zu führen.


1. Fingerspitzengefühl – handwerklich und zwischenmenschlich

Das Handwerk, die Materialkunde und Technik machen aber nur einen Teil der Arbeit aus. Genauso brauchen Orthopädietechniker*innen pädagogische und mentale „Werkzeuge“. Denn sie haben täglich mit Menschen zu tun, die aufgrund eines schweren Traumas, wie einem Unfall oder einer schweren Krankheit, zu ihnen kommen. Das heißt, den Orthopädietechniker*innen begegnen – so hart wie es sich anhört – nicht nur fröhliche und ausgelassene Gesichter. Oft sind es Menschen mit einem harten Schicksal, das noch so frisch ist, dass sie es häufig noch nicht angenommen oder bewältigt haben.


2. Die Konfrontation mit Emotionen als Herausforderung sehen

Viele Patient*innen sind unverschuldet in ihre Lage geraten. Die Wut und Verzweiflung über die Situation entlädt sich dann oftmals genau bei der Person, die eigentlich nur helfen will: dem Orthopädietechniker beziehungsweise der Orthopädietechnikerin. Der Grund: Hier sind die Betroffenen zu 100 Prozent mit ihrer Situation konfrontiert: Von jetzt auf gleich ist man behindert und auf Hilfsmittel angewiesen. Der Anpassungsprozess für eine Prothese oder Orthese legt alles schonungslos offen, was man anfangs gerne durch Kleidung verhüllen und verstecken möchte, sich ggf. sogar ganz zurückziehen will. Als Patient*in dann den Stumpf “hinzuhalten”, damit eine Anpassung vorgenommen werden kann, lässt jedes Schutzschild platzen. Das sind Momente, in denen Wut und Emotionen hochkommen und direkt bei den Orthopädietechniker*innen landen.


3. Emotionaler Abstand zu schweren Schicksalen wahren

Wie gehen Orthopädietechniker*innen am besten damit um? Wichtig ist ein psychologisches Verständnis für die Anwender*innen und Fingerspitzengefühl im Umgang mit ihrem Schicksal. Das ist die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Die Orthopädietechniker*innen müssen verstehen, was in ihrem Gegenüber vorgeht, die Anwender*innen abholen können, ihnen zuhören und auf sie eingehen. Dabei gilt es aber auch, immer den professionellen und vor allem emotionalen Abstand zu bewahren. Das ist nötig, damit sie auf der einen Seite die Anwender*innen bestmöglich versorgen können und auf der anderen Seite die oft schweren Schicksale nicht mit nach Hause nehmen. Dieser zweite Aspekt, der Selbstschutz, ist wahrscheinlich die größte Herausforderung und ein wahrer Drahtseilakt. Denn was alle Orthopädietechniker*innen gemeinsam haben, ist das Ziel, anderen Menschen zu helfen.


4. Schwierige Situationen mit der Beobachterrolle meistern

Mit starken Emotionen wie Wut und Ärger konfrontiert zu sein, ist mit Sicherheit nicht einfach. Vor allem, wenn es ganz unvermittelt kommt, zum Beispiel bei der Frage, ob der Schaft passt, aber der Anwender vielleicht noch gar nicht weiß, wo der Schmerz genau steckt. Zu verstehen, wo der Ursprung dieser Emotion sitzt, kann den Orthopädietechniker*innen beim Umgang damit helfen. Ein Tipp ist, die Beobachterrolle

einzunehmen. Durch diese Sichtweise gelingt es, die Situation objektiv nachzuvollziehen und zu verstehen, dass die Reaktion nicht persönlich gemeint ist.


5. Die Wirkung positiver Bilder und Ziele nutzen

Auf diese Weise gelingt es den Orthopädietechniker*innen, die Anwender*innen an die Hand zu nehmen und im nächsten Schritt einen Weg zu skizzieren, den man zusammen gehen wird. Das ist enorm wichtig, denn was Anwender*innen unbedingt brauchen, sind positive Bilder, Ziele und realistische Zeiträume. Wenn sie diese von ihrem Orthopädietechniker oder ihrer Orthopädietechnikerin aufgezeigt bekommen,

gibt das auch den Anwender*innen ein besseres Gefühl und baut Ängste und negative Emotionen ab und es wird mehr Verständnis geschaffen für die Dauer des Anpassungsprozesses. Dabei ist es vor allem wichtig auf realistische Ziele zu setzen. Die Empathie und der Dialog schaffen eine Brücke und sind damit der Schlüssel für eine gute Versorgung.


6. Kommunikation ist das A und O

Eine perfekte Prothese oder Orthese ist immer das Resultat einer engen Zusammenarbeit und einem konstruktiven Austausch zwischen Orthopädietechniker*in und Anwender*in. Denn Orthopädietechniker*innen können die Prothese oder Orthese nur dann entsprechend modellieren und anpassen, wenn sie von den Träger*innen genaues Feedback zur Passform erhalten. Das sollten Orthopädietechniker*innen den Anwender*innen vermitteln, damit diese*r ein Verständnis für ihre wichtige Rolle im Prozess entwickeln. Gelingt das, bringt es die Orthopädietechniker*innen in ihrer täglichen Arbeit unglaublich weiter.


7. Oft unterschätzt: der private Ausgleich

Jeder Körper und jede Versorgung ist anders. Das erfordert von den Orthopädietechniker*innen sich immer wieder neu auf den jeweiligen Anwender einzustellen. Das kostet Kraft im Alltag. Auch wenn der Beruf für Orthopädietechniker*innen eine Leidenschaft ist, ist es enorm wichtig, sich nach Feierabend eine Auszeit zu nehmen, um zugleich auch Abstand zu gewinnen von den persönlichen Schicksalen. Am besten funktioniert das mit einem Hobby, das nichts mit der Profession zu tun hat. So können sie nach Feierabend wirklich abschalten und die Akkus wieder aufladen, damit sie mit voller Energie die nächste Versorgung angehen können.


8. Offenheit und lebenslanges Lernen

Resilienz kann für Orthopädietechniker*innen aber auch bedeuten, offen für etwas Neues zu sein. Dinge auszuprobieren und zu evaluieren, was ihnen selbst und den Patient*innen am besten weiterhilft. Mit der Digitalisierung eröffnen sich in dem Berufsfeld auch zunehmend neue Möglichkeiten. Mittlerweile werden immer mehr Scans eingesetzt, um den klassischen Gipsabdruck zu ersetzen. Eine Methode, die für die Anwender*innen weitaus angenehmer sein kann. Entsprechende Scans können

bereits mit einfachen iPads ohne großen technischen Aufwand durchgeführt werden. In der Orthesenerstellung kann sogar ein Scan in nicht-korrigierter Haltung durch die digitalen Haltungskorrektur in Minuten zum gewünschten Ergebnis führen. Ein weiterer Pluspunkt der neuen Technologien ist, dass sie in sehr kurzer Zeit eine hohe Individualisierung ermöglichen und der Orthopädietechniker mehr Zeit für seine Patient*innen in der Beratung hat. Die Mecuris Solution Plattform ist ein tolles Beispiel dafür, denn sie erleichtert die Arbeit der Orthopädietechniker*innen auf ganz vielen Ebenen und kann flexibel an unterschiedlichen Stellen der Orthesen-Versorgung eingesetzt werden. Neuerungen wie diese im Blick zu behalten und lebenslanges Dazuzulernen sind unabdingbar für Orthopädietechniker*innen, um mit denen, die sie versorgen, ein erfolgreiches Duo zu werden.


9. Akzeptanz und Flexibilität

Die wichtigste Erkenntnis für Orthopädietechniker*innen und Anwender*innen (vgl. Teil 1) ist, dass nichts von Bestand ist. Eine Prothese, die heute noch optimal passt, kann morgen schon zu großen Entzündungen und Beschwerden im Stumpf führen. Dasselbe gilt für Orthesen: Anpassungen und Neuversorgungen kommen bei Kindern besonders häufig vor, da bei diesen die Wachstumsphase noch nicht abgeschlossen ist. Die größte Herausforderung in der Versorgung stellen sicherlich Kinder und Leistungssportler*innen dar: Die ständigen Veränderungen durch Wachstum beziehungsweise Training können die Orthopädietechniker*innen schon mal an den Rande des Wahnsinns treiben. Ich kenne es von mir selbst: Erst hat noch alles super gepasst und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, einen Monat später komme ich geknickt in die Werkstatt. Denn auf eines ist immer Verlass: Unser Körper verändert sich ständig und somit über kurz oder lang auch die Passform der Orthese oder Prothese. Diese Erkenntnis ist wichtig für Orthopädietechniker*innen und sollte auch feinfühlig an den zu Versorgenden in einfachen Bildern vermittelt werden: Die perfekte Prothese ist immer eine Momentaufnahme. Deshalb muss sich sich das Team aus Orthopädietechniker*innen und Anwender*innen immer wieder auf neue Anforderungen einstellen. Hier helfen Akzeptanz und Flexibilität auf beiden Seiten, denn Prothesen sind nie „fertig“, sondern müssen sich mit den Anwender*innen mitentwickeln. Das Anerkennen der Situation ermöglicht es, den Enthusiasmus beizubehalten, Enttäuschungen entgegen zu wirken und stets positiv am Optimum zu arbeiten.


Die wichtigsten Prinzipien für mehr Resilienz für Orthopädietechniker*innen sind aus meiner Sicht:

  1. Fingerspitzengefühl - handwerklich und zwischenmenschlich

  2. Die Konfrontation mit Emotionen als Herausforderung sehen

  3. Professionellen und emotionalen Abstand bewahren

  4. In schwierige Situationen Beobachterrolle einnehmen

  5. Gemeinsam Wege aufzeigen, Ziele setzen und die Wirkung positiver Bilder nutzen

  6. Dialog & Empathie mit dem Anwender

  7. Privaten Ausgleich suchen

  8. Offenheit für neue Entwicklungen & lebenslanges Lernen

  9. Akzeptanz und Flexibilität beweisen


Ich kann an dieser Stelle nur mein herzliches Dankeschön, an meinen langjährigen Orthopädietechniker, Thomas Wellmer von Reha-Technik Wellmer und Schmidbauer, aussprechen, der mich seit Kindestagen stets optimal versorgt und mir immer offen und stützend zur Seite steht.


Auf der anderen Seite kann ich nur an die Anwendenden appellieren: habt Geduld mit Euch und eurem Umfeld. Bleibt offen und fair und macht euch daran, ein unschlagbares Team mit Eurem Orthopädietechniker*in zu werden. Wie ich das mache, lest ihr in Teil 1 dieser Resilienz-Serie.